Abbruch der Türkenstraße 52 im März 2019

Leserbrief zur Türkenstraße 52 und 54

Zugegeben: das abgerissene Gründerzeithaus Türkenstraße Nr. 52 ließ ebenso wie das noch stehende Nachbargebäude  Nr. 54 nach Modernisierung und Fassadenvereinfachung  im Stile der 50er oder 60er Jahre  die alte Pracht nur noch ahnen, aber im Gesamtbild der Türkenstraße wirkten sie allemal phantasievoller  als viele der dort nach Kriegszerstörungen entstandenen Neubauten in der Maxvorstadt. Die Qualität der Wohnungsausstattungen entsprach nach Renovierungs- und Sanierungsarbeiten ausstattungsmäßig durchaus den heutigen Ansprüchen. Zu Recht stand zumindest die Fassade unter Denkmalschutz, der aber zu Gunsten der Investoren wieder aufgehoben worden ist. Das Gleiche gilt wohl auch für das seit Jahren leerstehende Nachbarhaus Nr.54.

Interessant ist die Antwort der Stadtbaurätin, Frau Dottoressa Merk vom 8. Februar 2021 auf eine diesbezügliche Anfrage einiger Stadtratsmitglieder: Anstatt der ursprünglich dort vorhandenen 53 sollen nunmehr 65 (2012 nur 24) Wohnungen entstehen, wobei es weder dem Sozialreferat noch dem Baureferat bekannt sei ob es sich um Miets- oder Eigentumswohnungen handeln wird.


In diesem Fall gibt es offenbar keine Auflagen im Sinne der Zwecksentfremdungsgenehmigung von 2012. (Versehen oder Nachlässigkeit der Behörden? Interessant wäre, WER – bitte namentlich genannt- damals diese Genehmigung ausgestellt hat). Ebenso sei eine Bewertung der ökologischen Folgen von Neubauverfahren gesetzlich nicht vorgesehen. Die Abwägung der Kosten von Abbruch und/oder  Neubau liege in der Erwägung des Investors. Letztlich seien es die Eigentümer, die die Entscheidung über Abbruch oder Erhalt treffen. Also alles in Ordnung, kein Gedanke an Denkmalschutz oder an Umweltverträglichkeit – ob das Vertrauen in den Rechtsstaat unerschütterlich bleiben wird, wenn alles den Interessen von Spekulanten untergeordnet zu sein scheint? Geradezu rührend die Fürsorge, mit der der langjährige Leerstand der Nummer 54 begründet wird; man wolle den Mietern den Baulärm nicht zumuten. Von vergleichbarem Schutz der übrigen Nachbarn ist allerdings keine Rede.

Fortsetzung einer unterbrochenen  Tradition? Auch in den Siebziger Jahren ließ man Altbauten gerne leer stehen, bis dann ein Abbruch angeblich „notwendig“ wurde und die Grundstücke lukrativer genutzt oder weiter verkauft werden konnten. Mit solchen vorgeschobenen „Sachzwängen“ wurde gerne argumentiert, Proteste nur  widerwillig zur Kenntnis genommen, obwohl  sie in der Bevölkerung große Zustimmung erfuhren. Karl Klühspies, Mitbegründer der „Aktion Maxvorstadt“  fasste die Kritik in einem Radiointerview 2007 wie folgt zusammen: „Eine Stadtplanung kann niemals zugeben, dass sie Fehler macht und wenn es hundert Mal falsch ist, was sie sagt – sie irrt nicht“. So wurde aus dem Altstadtring tatsächlich aber nie ein Boulevard, ebenso wenig wie aus der Garmischer Straße mit ihrem schön begrünten, aber kaum genutzten Mittelstreifen.

Vor über einem halben Jahrhundert war als Vorläufer des „Münchner Forums“ diese „Aktion Maxvorstadt“ gegründet worden, weil damals, ähnlich wie heute, die Spekulation blühte, damals zusätzlich gefördert durch den  Zeitgeschmack, der jeden Schnörkel von den Fassaden klopfen wollte (die damals für „modern“ gehaltene Architektur hat sich übrigens seither kaum gewandelt).

Spekulanten hatten damals kein besonders leichtes Leben, die 68er Generation war ebenso aufmerksam wie aufmüpfig und aktiv. Wenn auch rückblickend manche der damaligen Ideale geradezu kindisch erscheinen mögen: der  Obrigkeit und auch den Spekulanten wurden ihre Grenzen aufgezeigt.

Die Proteste verhinderten eine weitgehende Vernichtung des Lehels als „Kerngebiet“, verhindert wurde die geplante Umwandlung in ein Büroviertel. Nicht im damals geplanten Umfang realisiert wurde die Isarparallele mit einer damit verbundenen Abholzung der Allebäume; die Altstadtschneise der Maximilianstraße wurde nicht im Stil der 70er Jahre geschlossen, sondern passend der ursprünglichen Bebauung angeglichen, der Leopoldpark wurde nicht massiv verbaut, die Hans-Sachs-Straße nicht durch Abbrüche verbreitert. Es war sogar die Rede von einer Erhaltungssatzung für die Maxvorstadt, für die Türkenstraße im Bereich zwischen der Schelling und der Theresienstraße. Vielleicht ist die Zeit dafür wieder reif? Heute wie damals geht es um das „Fluidum einer Stadt“ (Karl Klühspies). Oder ist irgendwo das Stadtbild seit den sechziger Jahren verbessert worden?

Dr. Dieter Klein (Kunsthistoriker München und Wien)

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