Leserbrief zum SZ-Interview von Sebastian Krass mit Prof. Thomas Auer am 15. Februar 2022

Sehr geehrter Herr Krass,

nicht nur ich habe es begrüßt, dass Sie in der gestrigen SZ mit Professor Thomas Auer einen wirklichen Experten zu Wort kommen ließen. Seine überaus sachlich vorgebrachten Argumente sind eine schallende Ohrfeige für den Investor und die von ihm beauftragten Architekten. Deren Parolen wie ‘Nachhaltigkeit’, mit denen man offenbar die Teilnehmer des ‘Bürgergutachtens’ mehrheitlich hinters Licht führen konnte, haben sich in Luft aufgelöst. Vielen Dank dafür, das Sie dieses Interview geführt und veröffentlicht haben.

Das ‘Gutachten’ ist übrigens ohne Belang. Es ist nämlich keines, sondern eine bloße Bündelung von Meinungsäußerungen. Hätte man, wiederum ‘zufällig’, 120 andere Personen ausgewählt, wäre möglicherweise das genaue Gegenteil verkündet worden. Abgesehen davon: Ich war dreißig Jahre lang oft genug in Preisgerichten zur Architektur und Stadtentwicklung (im Inland wie im benachbarten Ausland), um nicht zu wissen, wie massiv und geschickt Investoren für ihre kommerziellen Interessen auftreten können. Immerhin haben auch die ‘Bürger-Gutachter’ bemängelt, dass kein städtebaulicher Wettbewerb stattgefunden hat – den ja mehrfach der BDA München-Oberbayern als wichtigster Fachverband der Architekten gefordert hat.

Das ‘Gutachten’ war für Stadtrat und Stadtverwaltung ein bequemer Ausweg, sich weiterhin vor der politischen Verantwortung zu drücken. Es ist ja beschämend, wie sich OB Reiter und Stadtbaurätin Merk von Anfang an verhalten haben. Vom OB, der in Sachen Mieterschutz gewiss Verdienste hat, ist bei baukulturellen oder gar ästhetischen Themen nichts zu erwarten – ich habe ihn mehrfach bei für ihn peinlichen Auftritten erlebt, zuletzt bei der Eröffnung der Isarphilharmonie. Eine populistische Anbiederei ist seine Äußerung zum ‘Gutachten’, Münchner Bürger hätten an ihrer Stadt mitgeplant. Nicht minder populistisch die Stadtbaurätin mit ihrer Rede vom “Hausaufgabenheft” – also auch von ihrer Seite weiterhin ein Kotau vor dem Investor.

Wenn die Stadtspitze mitsamt dem Stadtrat sich schon weigert, Verantwortung zu übernehmen, sollte sie sich an qualifizierte Stimmen wenden. Im Vergleich zu den ‘gutachterlichen’ Laien bündelt sich auch beim ‘Münchner Forum’ geballter Sachverstand. Doch Politik und Verwaltung flüchten sich lieber in allgemeine Sprüche wie ‘München sollte etwas wagen’ oder ‘München kann auch höher bauen’. Siehe Professor Auer: alles Unsinn.

Es gibt übrigens noch eine technisch und finanziell völlig ungeklärte Frage: die Umnutzung der Paketposthalle, für welche Zwecke auch immer. Fragen Sie doch bitte einmal Tragwerksplaner und Betonsanierer, welche Kosten entstehen würden, da die Halle gehörig in die Jahre gekommen ist.

Meine ausführliche Reaktion zeigt, wie wichtig auch mir dieses Thema ist. Als Münchner Mitarbeiter der Architekturzeitschrift ‘Bauwelt’ werde ich vermutlich einen deutlichen Kommentar schreiben. Was Ihre Bearbeitung des Themas angeht, ist nicht nur mir aufgefallen, dass Sie dafür sorgen, die Debatte in der SZ nicht einseitig, sondern kontrovers abzubilden. Dafür möchte ich Ihnen meine kollegiale Anerkennung aussprechen.

Mit den besten Grüßen ins SZ-Hochhaus
Wolfgang Jean Stock

Foto: Visualisierung wie es eventl. mal aussehen könnte, wenn die beiden Büschl-Hochhaus-Türme kommen, denn dann kommen wohl weitere dazu?!

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