Der illegale Abriss des Uhrmachhäusls ist zum Symbol für die fortschreitende Gentrifizierung und Gier mancher Investoren geworden. Nun steht dort ein roter Baulift und die Spannung wächst.
….Ein Baustellenschild, ein Bauzaun und eine rote Arbeitsbühne: Es tut sich etwas in Münchens bekanntester Baulücke – der des ehemaligen Uhrmacherhäusls in Obergiesing. Es ist halb zwölf Uhr an einem Tag Ende der vergangenen Woche, als drei junge Bauarbeiter sich auf den Weg zur Mittagspause machen. Die Reste der Wände würden sie abtragen, sagt einer von ihnen, was danach komme, das wüssten sie auch nicht so genau. Wahrscheinlich wundern sie sich ein bisschen über das Interesse. Ist doch nur eine Baustelle, vermeintlich wie jede andere, Tagesgeschäft.
….Seit fünf Jahren steht nach einem Gerichtsurteil fest, dass der Eigentümer das Gebäude wieder aufbauen muss, so, wie es einmal war. Doch passiert ist nichts – bis zur vergangenen Woche. „Gott sei Dank“, sagt Clemens Geyer, „ich bin froh, wenn es vorwärtsgeht“. Er wohnt direkt gegenüber, bei den Mahnwachen sei er immer dabei gewesen, sagt er. Ob er glaube, dass das Uhrmacherhäusl nun tatsächlich wieder aufgebaut werde?
…Nicht jeder hier in Giesing glaubt daran, dass das Uhrmacherhäusl bald wieder steht. „Garantiert wird der das nie aufbauen“, sagt eine ältere Frau, die man vor der Baustelle trifft. „Wie will er das machen, er weiß ja gar nicht, wie es ausgeschaut hat.“ Ein paar Straßen weiter wohne sie, sagt die Frau, sie habe den früheren Eigentümer des Hauses gekannt.…Dabei hat die Stadt den Wiederaufbau bereits 2018 angeordnet. Der Eigentümer Andreas S. klagte dagegen und bekam zunächst wegen eines Formfehlers Recht. Im Berufungsverfahren vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof gewann dann jedoch die Stadt. Seit 2021 ist also klar: Das frühere Handwerkerhaus muss wieder aufgebaut werden, „in äußerlich kubaturgleicher Form und gleichem Erscheinungsbild“, wie es das Rathaus verlangt.
….„Zum Zwecke des Wiederaufbaus des Uhrmacherhäusls an der Oberen Grasstraße 1 wurde ein Wohngebäude mit zwei Wohneinheiten genehmigt“, teilt ein Sprecher des städtischen Planungsreferats auf Anfrage mit. Bei der Vermessung im Zuge der Planung habe sich herausgestellt, dass das Uhrmacherhäusl ursprünglich auch „auf schmalen Streifen der unmittelbar benachbarten Grundstücke stand“. Seither gebe es Verhandlungen zwischen dem Bauherrn und den benachbarten Grundstückseigentümern auf zivilrechtlicher Ebene. „Diese sind noch nicht abgeschlossen, weshalb sich der Wiederaufbau verzögert.“
weiterlesenvon Anna Hoben
Foto: von einer der vielen Mahnwachen beim Uhrmacherhäusl © Robert Hölzl
