Planegg: Offener Brief an die BürgermeisterInnen, GemeinderätInnen und die Presse zum Thema: Geplante Neuversiegelung wertvoller Grünflächen in Steinkirchen

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Flächenpolitik der Gemeinde Planegg ist bislang immer vorbildlich abgelaufen. Nie hat Planegg den schädlichen Unterbietungswettbewerb bei den Gewerbesteuerhebesätzen mitgemacht, sondern sich dabei am üblichen Durchschnitt der Region orientiert. Gräfelfing hat mit seinem aggressiven Unterbietungswettbewerb sehr potente Firmen (z.B. Philip Morris erbringt ca. 2/3 der gesamten Gräfelfinger Gewerbesteuer!) angelockt. Planegg hat sich stattdessen für einen anderen, dem Gemeinwohl verpflichteten Weg entschieden. Für Forschung und Lehre (MPI, IZB, LMU) wurden riesige Flächen zur Verfügung gestellt. Daraus lässt sich jedoch keine nennenswerte Gewerbesteuer generieren. Auch die aus dem Biotechnologiecluster hervorgegangenen, enorm wichtigen jungen Startups, werden auf absehbare Zeit keine Gewerbesteuer zahlen.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass sich die Gewerbesteuer aus dem „Gewinn vor Steuern“ der jeweiligen Firma, multipliziert mit dem Gewerbesteuerhebesatz der jeweiligen Gemeinde, berechnet. Selbst die bekannte Firma Morphosys hat bislang zwar sehr erfolgreich an neuen Medikamenten geforscht, bisher aber nur Verlust verbucht. Selbst wenn sie künftig Gewinne erwirtschaften sollte, kann sie diese noch lange Zeit mit dem Verlustvortrag ausgleichen und zahlt damit immer noch keine Gewerbesteuer.

Natürlich haben Firmen wie Sanacorp und Eurofins den Wunsch, weiter zu expandieren. Angesichts des in Bayern immer weiter steigenden Flächenverbrauchs von 11,6 ha pro Tag in 2019, hilft es nichts, zu postulieren, dass der Flächenverbrauch dringend reduziert werden muss, wenn gleichzeitig die Versiegelung von weit über 1 ha wertvollen Grünlands in Steinkirchen geplant wird.

Bei genauerer Betrachtung gibt es im Gewerbegebiet Steinkirchen ausreichend freie Erweiterungsflächen. Wir konnten in Erfahrung bringen, dass die Erbengemeinschaft des freien Grundstücks südlich von Lidl durchaus zum Verkauf bereit wäre. Noch innovativer wäre jedoch eine technisch relativ einfache Überbauung der Flachbauten von Lidl und dem Getränkemarkt mit mehreren Stockwerken Bürofläche. Durch gläserne Brückenkonstruktionen über die Behringstraße könnten diese Gebäudeteile wettergeschützt mit dem Sanacorp-Stammgelände verbunden werden.

Zur Firma Eurofins ist anzumerken, dass es sich dabei um eine Niederlassung eines internationalen Konzerns handelt, dessen Deutschlandniederlassung ihren Sitz in Hamburg hat und über ganz Deutschland verstreut, weitere Zweigniederlassungen besitzt. Durch dieses Firmenkonstrukt lassen sich Gewinne problemlos innerhalb Deutschlands zu einem Standort mit dem niedrigsten Gewerbesteuerhebesatz verschieben. Ob dabei Planegg die Nase vorn hat, ist zu bezweifeln.

Doch nun zu dem fraglichen Gelände, das bebaut werden soll. Dabei handelt es sich beileibe nicht um eine ökologisch minderwertige Ackermonokultur! Schon die Kennzeichnung im gültigen FNP spricht eine andere Sprache.

Hinzu kommt, dass diese Fläche bis zur Bebauungsgrenze Gräfelfing seit viele Jahren an einen vor Ort agierenden „Naturland“-Biobauern verpachtet ist, der dort nach Naturland-Grundsätzen Bio-Lebensmittel ohne Einsatz von Spritzmitteln und Kunstdünger anbaut. Als Zwischennutzung wurde diese Fläche immer wieder als Weidefläche für die hier lebenden Galloway-Rinder des Biobauern genutzt. Gerade während der Corona-Pandemie hat sich die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln drastisch erhöht. Leider gelingt es den heimischen Biobauern immer weniger, in Konkurrenz zum höchst subventionierten Anbau von Biogas-Mais (wie sonst rund um Planegg die Regel), noch Flächen zum Anbau von Bio-Lebensmitteln anzupachten. Wenn jedoch unsere gewünschten Bio-Lebensmittel erst mit klimaschädlichen Transporten aus fernen Ländern (z.B. China oder Kanada) herangeschafft werden müssen, ist der ganze Prozess mehr als fragwürdig. Im Übrigen wurde dem Biobauern nach der Getreideernte im Sommer von den Besitzern des Ackers unter Angabe fadenscheiniger Gründe die Pacht gekündigt. Der Acker liegt jetzt wohl in Erwartung saftiger Verkaufsgewinne durch die Bauplanung brach.

Bei Betrachtung der bestehenden Gewerbebauten an der Semmelweisstraße und von Eurofins am Ende der Robert-Koch-Straße, fällt auf, dass alle Dachflächen komplett mit Anlagen der Belüftung, Klimatisierung etc. zugebaut sind. Es erscheint daher blauäugig, dass diese Anlagen bei einem weiteren gigantischen Gewerbekomplex im Keller oder sonst wo untergebracht werden, um wenigstens das Dach zu begrünen. Aber auch zur Dachbegrünung ist anzumerken, dass dies wohl in höchstversiegelten Innenstadtbereichen besser als gekieste Dächer oder Blechdächer ist, jedoch niemals einen natürlichen und CO2 speichernden Mutterboden ersetzen kann. Insgesamt hat sich gerade in Pandemiezeiten der vorbildliche Grünzug am Lichtweg für die Planegger aber auch die Gräfelfinger Bevölkerung als segensreich erwiesen. Gerade die Kinder, die sonst kaum Möglichkeiten zum Aufenthalt an der frischen Luft hatten, waren begeisterte Besucher der freundlichen Ziegen und Galloways des Biobauern. Sogar Hort- und Kindergartengruppen aus Planegg waren dort regelmäßig mit ihren Schützlingen zu sehen.

Nicht realistisch ist zudem die Aussage, dass die massive Gewerbebebauung östlich von Morphosys keinen Ausbau des Feldweges „In das Aufhüttenfeld“ erfordern würde. Schon der Bau dieses riesigen Komplexes erfordert einen massiven Ausbau der Zufahrtswege für die Baulogistik. Aber selbst nach Fertigstellung müssen für Feuerwehr, Rettungsdienste, Müllabfuhr, Lieferanten und Besucher ausreichend Flächen zur Verfügung stehen, und das kann nur mittels einer Straße in Form einer Verlängerung Semmelweisstraße (nur mit einseitigem Gehweg) erfolgen!

Zuletzt muss noch die grundlegende Situation Planeggs angesprochen werden. Planegg ist sowohl im Würmtal als auch weit darüber hinaus die einzige Gemeinde, die genauso viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie Einwohner hat. Das liegt am oben erwähnten hohen Anteil der Flächen für Forschung und Lehre.

Ein Vergleich von Planegg und Gräfelfing auf Basis 2019 zeigt:

                                                                       Planegg                                Gräfelfing                            

Einwohner EW                                            11.477                                   13.803

Soz.vers.pfl. Beschäftigte SVB                11.310                                   8.482

Verhältnis EW / SVB                                  1,0                                          1,6

Einpendler                                                   10.477                                   7.794

Auspendler                                                  3.408                                     3.575

Pendler gesamt                                           13.885                                   11.369

Bei fast 14.000 Ein- und Auspendlern ist es kein Wunder, dass Germeringer-, Münchner-, Pasinger- und Amtmannstraße in den Hauptverkehrszeiten schon heute überlastet sind. Planegg hat daher nicht zu wenige, sondern massiv zu viele Arbeitsplätze im Verhältnis zu seiner Wohnbevölkerung. Noch mehr Arbeitsplätze in Steinkirchen würden daher auch mehr Verkehr auf allen Hauptstraßen nach sich ziehen, und dies, obwohl sich Planegg schon seit langem vorbildlich für die Realisierung zusätzlicher Busverbindungen (Linie 266, neue Linien 265 und 259) eingesetzt hat und sogar die U-Bahnverlängerung nach Martinsried zum Teil mitfinanziert.

Leider ist es nicht so, dass der Mehrverkehr durch neue Arbeitsplätze in Steinkirchen auf das Gewerbegebiet beschränkt bliebe. Er wird sich am Kreisel an der Pasinger Straße nicht in Luft auflösen, sondern auch die Nachbargemeinden belasten.

Um die katastrophale Wirkung der massiven geplanten Bebauung zu demonstrieren, zum Schluss noch eine Gegenüberstellung der heutigen und einer möglichen künftigen Situation im wichtigen Trenngrün zwischen Gräfelfing und Planegg, vom Verbindungsweg nach Gräfelfing aus betrachtet.

Daher: Dem Klima und den Planegger Bürgern zuliebe erhalten sie die Fläche im Grünzug am „In das Aufhüttenfeld“ in ihrer derzeitigen Form, verstoßen Sie nicht schon jetzt gegen den neuen, hervorragenden und zusammen mit den Bürgern erarbeiteten FNP und suchen Sie mit den Bauwerbern eine Form der Nachverdichtung, die nachhaltig und Flächen schonend ist!

Ich möchte mich denjenigen vorstellen, die mich noch nicht kennen. Seit 1955 in Gräfelfing wohnhaft, bin ich seit 1984 für den BUND Naturschutz in Bayern e.V. (BN) im Würmtal aktiv. Unter meiner maßgeblichen Mitarbeit wurde zusammen mit dem hervorragenden Umweltreferaten der Gemeinde Planegg der Grünzug am Lichtweg entwickelt und umgesetzt. Über zehn Jahre war ich als Vorsitzender der damaligen Ortsgruppe Planegg-Gräfelfing des BN tätig, bis ich dieses Amt aus beruflichen Gründen abgeben musste. Leider fand sich kein Nachfolger, weshalb sich die BN-OG damals auflöste. Seither habe ich ohne Unterbrechung für die Kreisgruppe München des BN sämtliche umweltrelevanten Themen (z.B. Stellungnahmen zu Bebauungsplänen, Flächennutzungsplänen etc.) für Planegg und Gräfelfing bearbeitet. Von mir stammt auch die umfangreiche Stellungnahme des BN zum neuen FNP der Gemeinde Planegg, Zu diesem ist anzumerken, dass sowohl der Aufstellungsprozess mit Bürgergutachten als auch die enorm detaillierte Ausarbeitung mit genau definierten Entwicklungszielen für die Freiflächen vorbildlich und sonst selten so hervorragend umgesetzt abgelaufen ist.

Mit umweltfreundlichen Grüßen

Dipl. Ing. Hans-Dietrich Kubisch, BN-OG Würmtal-Nord, KG München

© Fotos: Dipl., Ing. Hans-Dietrich Kubisch

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Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Kubisch,
    vielen Dank für die sehr klare Darstellung der Situation und ihr herausragendes Engagement in der Sache. Auf Basis dieser Darstellung und der stichhaltigen Argumente kann ich schwer nachvollziehen warum die Bürger von Planegg (bzw. deren Vertreter) trotzdem eine Erweiterung des Gewerbegebiets wünschen.
    Ich hoffe es setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine Erweiterung mehr Schaden als Nutzen für die Gemeinde bringt und das Vorhaben beendet wird.
    Herzliche Grüße
    Matthias Walz

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