Österreich: 2. Tag des schutzlosen Denkmals

Am „Tag des Denkmals“ stehen ausgewählte Bauten für die Bevölkerung offen – geöffnet hat sich nun auch das Bundesdenkmalamt dem Diskurs mit den Experten und Expertinnen der AKTIONSGRUPPE „BAUTEN IN NOT“.

Nun ist die Politik gefordert!

Folgende Schritte sehen wir als unabdingbare und unmittelbare Notwendigkeiten für einen funktionierenden Denkmal schutz in Österreich:

  • radikale Aufstockung der finanziellen und personellen Ausstattung des Bundesdenkmalamtes

  • Umgehende Ratifizierung und Umsetzung der Konvention von Granada (Erhaltungspflicht)

  • Reform des Denkmalschutzgesetzes unter Evaluierung der Erfahrungen der legistischen Instrumente in Nachbarländern wie der Schweiz oder Deutschland

  • Differenzierung der Schutzarten, Einbeziehung von Umgebungs-, Ensemble- und Landschaftsschutz, Schutzverpflichtung, strikte Trennung des Abänderungsverfahrens von der Unterschutzstellung und Abänderung der Wirtschaftlichkeitsbestimmungen, substanzielle finanzielle Entlastungen und Unterstützungen für Denkmaleigentümer, usw.

  • Öffnung des Bundesdenkmalamtes gegenüber der Zivilgesellschaft und der unabhängigen Fachwelt: Schaffung eines Wissenspools aus Fachleuten, engagierten BürgerInnen und MitarbeiterInnen des BDA mit regelmäßigem Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Stärkung der Bemühungen um den Erhalt unseres baukulturellen Erbes.

Daher nehmen wir, wie bereits im Vorjahr, auch heuer am TAG DES SCHUTZLOSEN DENKMALS zur Lage der Denkmalpflege in Österreich Stellung:

Neben dem problematischen Umgang mit wichtigen öffentlichen Bauten hat dieses Jahr wieder Verluste bedeutender Wohnhäuser gebracht:

  • Unser Vorarlberger Beispiel von 2017, die Villa Freudeck im Georg-Baumeister-Viertel in Bregenz (1892-1906) ist nicht mehr, durch den Abriss des Wohnhauses wurde auch das Ensemble zerstört.
  • In Wien hat man zwei Inkunabeln der Zwischenkriegszeit dem Erdboden gleich gemacht, beide von bedeutenden Architekten, die emigrieren mussten: Die Villa Gerzabek in der Paul-Ehrlich-Gasse 8 von Hans Vetter (1932). Sie war auch Peter Alexanders langjähriges Domizil und Friedrich Achleitner hatte sie folgendermaßen gewürdigt: „Das völlig unscheinbare, würfelförmige Haus mit flachem Zeltdach gehört zu den Schlüsselbauten der Wiener Wohnkultur und verdient eine eigene Dissertation”.

  • Einem exemplarischen Bau der Österreichischen Moderne, dem Haus in der Rosentalgasse 19 von Ernst A. Plischke (1931) hatte das BDA den Schutz wegen späterer Veränderungen verweigert.

Erika Pieler, Richterin für Denkmalschutz am BVWG in Wien, hat im Juni diesen Jahres indes erklärt, dass spätere Veränderungen für eine Unterschutzstellung irrelevant seien. Dies geschah auf einer Tagung in Mauerbach, die das BDA für Mitglieder unserer NGO und damit für eine Fachdiskussion geöffnet hatte, ein wichtiger und positiver Schritt! Das Amt war in Erklärungsnotstand, warum bestehende Verunstaltungen wie Außendämmungen Unterschutzstellungen verhindern, ausgewiesene Baudenkmäler – darunter viele herausragende Wiener Gemeindebauten – aber trotz Denkmalstatus aussen gedämmt werden. Solche Widersprüche sind selbst bei Auswahl von vermeintlich positiven Beispielen für den Tag des „Offenen Denkmals“ erkennbar.

Ein besonders empörender Vorfall hat sich erst jüngst ereignet:

Die Zerstörung des in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Bades beim Haus des 2009 verstorbene n Tiroler Zeichners Paul Flora , ein Kleinod und Meisterwerk aus der Hand von Josef  Lackner. Knapp vor der Unterschutzstellung wurde es Opfer eines „unglücklich“ gefällte n Baumes – und des zufällig bereitstehenden schweren Geräts.

Wir protestieren aufs schärfste und fordern die Wiedererrichtung des Flora-Bades!

„BAUTEN IN NOT“ will dazu beitragen, dass diese hausgemachten Schwächungen der Position des BDAs und weitere unwiederbringliche Verluste ein Ende haben!

Damit das Bundesdenkmalamt als Anwalt für unser baukulturelles Erbe sich vor den divergierenden Interessen von Investoren, Planern aller Art und Lobbyisten behaupten kann, damit die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des BDA ihrer Kompetenz entsprechend UNBEEINFLUSST arbeiten können, bedarf es neuer Rahmenbedingungen.

Diese Herausforderungen kann das BDA allein, ohne Unterstützung durch die Politik, nicht lösen.

Die eigenen, 2014 ausgearbeiteten „Standards der Baudenkmalpflege“ kann das BDA allzu oft selbst nicht einhalten, da die gesetzlich vorgeschriebene Berücksichtigung der „Wirtschaftlichkeit“ bei der Erhaltung, resp. Veränderung oder Zerstörung eines Denkmals (§ 5) diese Standards unterlaufen. Die mangelnde finanzielle Dotierung des BDA und fehlende wirtschaftliche Anreize oder Kompensationen für Denkmaleigentümer schwächen die Position des BDA zusätzlich gravierend. Zudem kennt das Denkmalschutzgesetz nur das Verbot der Zerstörung (§ 4), aber keine Erhaltungspflicht.

Letztere ist ein zentraler Punkt der „Konvention von Granada“ des Europarates (1985). Dieses bedeutende „Übereinkommen zum Schutz des architektonischen Erbes“ haben von den 47 Mitgliedern – außer Österreich – nur Albanien, Island, Monaco und San Marino noch immer nicht ratifiziert. Obwohl die Ratifizierung nach 32 Jahren (!) in den auch ins Regierungsprogramm übernommenen baukulturellen Leitlinien des Bundes 2017 angekündigt wurde, ist nach wie vor nichts geschehen.

Das BDA hat durch die extrem geringen personellen Ressourcen keinerlei Chance, die lange Liste der Denkmal-Verdachtsobjekte auf ihre Schutzwürdigkeit zu überprüfen. Aktuell wäre ein Zeitraum von weit mehr als 100 Jahren notwendig um dieser Aufgabe nachzukommen!

So gewinnt die Öffentlichkeit den Eindruck, dass das Denkmalamt oft „zu spät kommt“.

Die Bestellung des neuen BDA Präsidenten steht an und die Politik ist gut beraten, keine Person zu wählen, die bereits – etwa als AbteilungsleiterIn in einem Bundesland – eine unangemessene Nähe zur Politik erkennen hat lassen. Das würde nicht nur die Arbeitsmoral der MitarbeiterInnen unterwandern, sondern ein fatales Zeichen setzen, das zu massivem Protest in der Fachwelt führen würde.

Die Aktionsgruppe will neben der wertvollen, raumbildenden Bausubstanz auch Lebensräume ins Bewusstsein rücken, deren Zerstörung nicht nur architektonische und städtebauliche, sondern auch soziokulturelle Qualitäten vernichten würde. Ein in diesem Sinne dramatisch gefährdetes Beispiel ist der Trabrennplatz Wien-Krieau, ein einzigartig es Ensemble mit zwei allerdings extrem verwahrlosten, denkmalgeschützten Tribünen (Emil Hoppe / Otto Schönthal 1911/1913) und einem der letzten FREIRÄUME an der Grenze des Praters. Eine spekulative Planung will auch diesen opfern – Baubeginn 2021.

Die Aktionsgruppe ruft zum Protest der Zivilgesellschaft auf!

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