Wien: Vaterschaftsstreit: Wer ist der Retter des Welterbes?

Wien. Maria Vassilakou scheidet aus. Nicht aus der Politik. Aber die Wiener Vizebürgermeisterin kommt wohl kaum als jene infrage, die sich um den Erhalt des Status der Innenstadt als Unesco Weltkulturerbe besondere Verdienste erworben hat. Immerhin war es eines „ihrer“ Projekte, das dazu geführt hat, dass sich Wien seit einem Jahr auf der wenig schmeichelhaften Roten Liste gefährdeter Städte befindet.

Und dass sich Wiens Grüne nach dem Ignorieren des negativen Ergebnisses einer Mitgliederbefragung intern in Auseinandersetzungen verbissen haben. Höhe und Kubatur des Hochhauses am Heumarkt finden auch vor den UnescoExperten keine Gnade. In Österreich, genauer in Wien, ist jetzt ein Wettkampf entstanden, wer wen in den Versuchen übertrifft, den Welterbe-Status doch noch zu erhalten. Der neue Wiener Bürgermeister, Michael Ludwig (SPÖ), gegen Kanzleramtsminister und Stadtparteichef Gernot Blümel (ÖVP) lautet die Paarung.

Aktivität im Bund

Zunächst ist Blümel vorgeprescht. Kaum im Amt hat er – unter Vorwürfen der Untätigkeit des rot-grün regierten Wien – das Thema an sich gezogen. Im März hat er einen Expertenworkshop organisiert, geschickt mit Presseaussendungen und -konferenzen garniert. Ende Juni wurde eine erste Entwarnung gegeben: Das Unesco-Welterbe-Komitee hat in Bahrain entschieden, dass der Welterbe-Status nicht aberkannt wird. Zumindest derzeit bleibt das imageträchtige Attribut erhalten. Die neue Frist: Österreich muss bis April 2019 Lösungen präsentieren. Dazwischen erfolgt im Herbst heurigen Jahres ein Lokalaugenschein internationaler Experten in Wien.

Blümel feiert das als Erfolg seiner Bemühungen. Die SPÖ will sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen. Michael Ludwig hat sogar einen Mann seines Vertrauens zum inoffiziellen Sonderbeauftragten auserkoren, Landtagspräsidenten Ernst Woller. Der erklärte jüngst der „Presse am Sonntag“, er wolle die Zone des Weltkulturerbes auf den ersten Bezirk verkleinern. Angenehmer Nebeneffekt: Der Heumarkt, der im Dritten liegt, wäre aus dem Spiel.

Fundamentalkritik der ÖVP

Mehr hat er nicht gebracht. Das wiederum führt nun in der ÖVP Gernot Blümels zu heftiger Kritik an der SPÖ der Bundeshauptstadt. Die neue Klubchefin im Wiener Rathaus, Elisabeth Olischar (ÖVP), in einer Stellungnahme zur „Presse“: „Das ist eine rote Mogelpackung. Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Nur damit die Stadt weiter vor sich hin werken könne, dürfe die Unesco-Zone keinesfalls verkleinert werden.

Im Gegenteil. Die Wiener ÖVP will im Landesgesetz die Verankerung eines Bekenntnisses zum Schutz der Weltkulturerbe-Stätten. Eine Aktion, die wohl allenfalls deklaratorischen Charakter hätte.

Gleichzeitig bringt die ÖVP nach dem Vorstoß Wollers in der „Presse am Sonntag“ zwei Anfragen ein, an Bürgermeister Michael Ludwig und an Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Darin wollen Olischar & Co. unter anderem diese Frage beantwortet wissen: „Waren Sie von der Idee informiert, der Kritik am zu laschen Umgang mit dem Wiener Weltkulturerbe dahingehend zu begegnen, das Areal der Kernzone des Weltkulturerbes schlicht und einfach zu verkleinern?“ In der Anfragebegründung heißt es: Massive Versäumnisse und Fehlentscheidungen der Stadtregierung hätten den Welterbe-Status gefährdet. Wer hat die Aberkennung aus ÖVP-Sicht abgewendet? Richtig, die türkis-blaue Bundesregierung. Ende dieser Runde. Die nächste folgt bestimmt.

Auf einen Blick

Das Unesco-Weltkulturerbe. Weltweit dürfen sich nur drei Hauptstädte mit diesem imageträchtigen Titel schmücken: Rom, Prag – und Wien. Allerdings: Vor einem Jahr wurde bei einer Sitzung in Krakau die österreichische Bundeshauptstadt auf die Rote Liste gesetzt. Das Hochhausprojekt am Heumarkt im dritten Bezirk, unweit der Ringstraße, ist laut Welterbe-Komitee mit dem Status nicht vereinbar. Insgesamt gibt es weltweit über 1000 Weltkulturerbe-Stätten, von denen 54 auf der Roten Liste stehen. Den Rekord hält dabei Jerusalem. Altstadt und Stadtmauer stehen seit nicht weniger als 36 Jahren auf dieser Liste. Da erscheint das eine Wiener Jahr vernachlässigbar.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 11.07.2018; Autor: Dietmar Neuwirth )

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